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Die Welt im Wohnzimmer

Mittwoch, 17.06.2015, Forschen, presse

Dissertantin der Uni Graz untersucht die Bedeutung von Online-Netzwerken für Privatunterkünfte in Bulgarien

Alternative Übernachtungsmöglichkeiten in Privatwohnungen abseits des kommerziellen Tourismussektors gewinnen seit geraumer Zeit verstärkt an Bedeutung und wirken sich auf Gesellschaft, Staat und Wirtschaft aus. Online-Netzwerke für AnbieterInnen und Reisende erfreuen sich zunehmender Beliebtheit und werden aktuell von Millionen Menschen in Anspruch genommen. Maartje Roelofsen, MSc, Doktorandin der Uni Graz, untersucht die Motivationen zur Teilnahme an solchen Online Hospitality Networks in der bulgarischen Hauptstadt Sofia anhand der Plattform Airbnb, die in tausenden Städten und Dörfern in über 192 Ländern weltweit genutzt wird.

„Zahlreiche AnbieterInnen in Sofia nutzen dieses Netzwerk, um Menschen aus vielen Nationen kennenzulernen und ihnen die Stadt aus ihrer Perspektive zu zeigen. Ein authentisches Bild von ihrem Land zu vermitteln, ist die Hauptmotivation der GastgeberInnen“, betont Roelofsen. In dieser Hinsicht sei Bulgarien als Fallstudie sehr spannend, da das Bedürfnis einer nationalen Selbstdefinition aufgrund seiner sozialistischen Vergangenheit nach wie vor mitwirkt.

Die Wissenschafterin spricht auch von einem intensiveren Kulturaustausch als bei einem Aufenthalt in einem Hotel. Eine interviewte Bulgarin erzählt, dass sie sich über Airbnb die Welt in ihr Wohnzimmer holt, da sie selbst nicht die Möglichkeiten zum Reisen hat. Andere wiederum profitieren von einem Nebenverdienst durch das Vermieten ihrer Räumlichkeiten: „Es ist eine gute Möglichkeit, abseits des konventionellen Wirtschaftssektors mit Tourismus Geld zu verdienen. Laut der Befragten ist das jedoch nicht die Hauptmotivation“, berichtet Roelofsen von den Gesprächen mit den bulgarischen Airbnb-Mitgliedern.

Ein weiterer Aspekt, mit dem sich die Doktorandin beschäftigt, ist, welche Auswirkungen die intensiven Begegnungen haben. Die Wissenschafterin möchte in ihren Interviews mit Reisenden und GastgeberInnen herausfinden, welche Bedeutung sie dem Sorgetragen für Fremde beimessen. Durch das Kennenlernen intimer Lebensräume entwickelt sich eine neue Art von Gastfreundschaft. „Menschen werden rücksichtsvoller und respektvoller im Umgang miteinander, wenn sie sich private Wohnungen teilen“, sagt Roelofsen. Gleichzeitig wirft die Forscherin einen kritischen Blick auf das Reputationssystem des Netzwerks Airbnb: „Durch öffentliche Bewertungen im Online-Forum werden Erwartungen im Bezug auf den Umgang miteinander, aber auch Maßstäbe für Überwachung und Disziplin produziert. Somit werden die Verhältnisse zwischen Gast und GastgeberIn neu definiert.“

Für die Doktorandin ist diese Form der Reisekultur ein Zeichen für das Umdenken in der Gesellschaft: „Ein bewusstes Konsumieren, Produzieren und Leben wird dadurch verstärkt thematisiert.“ Mit dem kürzlich erhaltenen Rudi-Roth-Stipendium wird die gebürtige Niederländerin ihre Feldforschung in Bulgarien fortsetzen.

Die Studie von Maartje Roelofsen ist in den gesamtuniversitären Schwerpunkt Südosteuropa eingebunden.

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