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Geisterspiele

Dienstag, 30.06.2020, presse, Universität, Forschen

ForscherInnen der Universität Graz belegen einen Heim-Nachteil bei Fussballspielen ohne Publikum.

Der Heimvorteil im Sport bewirkt, dass Mannschaften, die zuhause spielen, überproportional oft gewinnen. Dieses Phänomen ist in zahlreichen Disziplinen weltweit sehr gut untersucht und wissenschaftlich vielfach bestätigt. Bei den Geisterspielen während der Covid-19-Pandemie scheint es sich allerdings umgekehrt zu haben. Sigrid Thaller und Markus Tilp vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Graz haben die Daten der deutschen Fußballbundesliga genau analysiert und auch einen vergleichenden Blick nach Österreich geworfen.

Verkehrte Welt

Während in Deutschland vor dem Lockdown 54 Prozent der Punkte an die Heimmannschaften gingen, hat sich dieses Verhältnis bei Spielen ohne Fans statistisch signifikant verändert. In den letzten neun Runden gewannen die Gastgeberteams nur mehr 44 Prozent der Punkte. „Durch die fehlende Fanunterstützung hat sich der Heimvorteil also nicht nur signifikant verringert, sondern in einen Heimnachteil verwandelt“, fasst Tilp zusammen. Auch die Schiedsrichterentscheidungen wurden durch das fehlende Publikum signifikant beeinflusst. „In den Runden vor dem Lockdown wurden 55 Prozent der gelben und roten Karten an die Auswärtsmannschaft vergeben. Danach verteilten die Referees die Verwarnungen und Ausschlüsse ohne den emotionalen Druck der Fans gleichmäßig auf beide Mannschaften“, so Tilp dazu. Keinen statistisch signifikanten Unterschied gab es bei den roten Karten allein, was allerdings auch auf die geringe Gesamtzahl zurückzuführen ist.

In Österreich, wo die Meisterschaft noch bis zum Wochenende läuft, ist dieses Phänomen sogar noch stärker ausgeprägt. In den acht Runden ohne Publikum stehen lediglich 25 Prozent Heimsiege 52 Prozent Auswärtssiegen gegenüber. In den eigenen Stadien errangen die Teams gar nur 35 Prozent der Punkte. In der gesamten vorigen Saison waren es noch 54 Prozent.

Ursachenforschung

Die deutsche Bundesliga wurde im März nach 25 von 34 regulären Spieltagen unterbrochen und im Mai unter strengen Auflagen wieder fortgesetzt. Anstatt mit durchschnittlich 40.000 und bis zu 80.000 ZuschauerInnen mussten die ausstehenden 81 Matches ohne Publikum durchgeführt werden. Dies ermöglichte den ForscherInnen, den Anteil der Zuschauerunterstützung am Heimvorteil zu untersuchen. Vorangehende Studien zeigen, dass unter normalen Bedingungen die gastgebenden Teams 58 Prozent der Punkte gewinnen. Durchschnittlich stehen 45 Prozent an Heimsiegen lediglich 30 Prozent an Auswärtserfolgen gegenüber. Als Hauptgründe für den Heimvorteil gelten die Unterstützung durch die Fans, Vorteile durch die gewohnte Umgebung im Stadion, die Reisestrapazen für die Auswärtsmannschaft sowie eine unbewusste Bevorzugung durch die SchiedsrichterInnen.

Warum sich die Punkteverteilung aufgrund der fehlenden Zuschauer zugunsten der Auswärtsteams umgedreht hat, kann nur vermutet werden. In der deutschen Bundesliga hatte die Spielstärke keinen Einfluss, denn in den letzten neun Runden war die Heimmannschaft überdurchschnittlich oft (zu 53 Prozent) in der Tabelle vor der Gastmannschaft. „Wir glauben, dass die Gastmannschaften mit größerem Selbstbewusstsein zu den Auswärtsspielen angetreten sind, da sie um den fehlenden Heimvorteil der gegnerischen Teams wussten“, vermutet Thaller dahinter einen psychologischen Effekt.

Die WissenschafterInnen beobachteten in Deutschland aber auch einen gewissen Gewöhnungseffekt im Laufe der Zeit. So war der „Heimnachteil“ in den ersten Geisterspielen besonders groß, sodass die Auswärtsmannschaften bis zu 80 Prozent aller Zähler erreichten. In den letzten drei Runden war die Punkteverteilung wieder ausgeglichener. Es ist als gut möglich, dass sich das Ungleichgewicht im Lauf der Zeit wieder auflösen würde.

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