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Im Schatten der (heiligen) Weisheit

Montag, 27.07.2020, Universität, Forschen

Die Umwandlung heiliger Stätten ist in der Geschichte nichts Seltenes, sagt Pablo Argárate, Professor für Ökumenische Theologie, Ostkirchliche Orthodoxie und Patrologie

Religionen sind (fast) immer verortet. Besondere loci werden wahrgenommen, als topoi, wo das Heilige besonders präsent und tätig ist. Innerhalb der Religionen und sogar der Konfessionen gibt es konkurrierende Aneignungen der loci sancti. Wenn es zum Krieg kommt, schien es nur logisch, dass die Götter der Besiegten den Göttern Platz machen mussten, welche sich im Sieg als stärker erwiesen hatten. Beim Einzug der Sieger wurden die heiligen Orte der Besiegten entweder völlig zerstört oder zur Religion der Sieger konvertiert. Dies geschah nicht nur im Islam, zum Beispiel mit der Umayyaden-Mosche in Damaskus, sondern auch im Christentum, das alte heidnische Tempel (Baalbek, Pantheon in Rom) oder sogar Moscheen, wie Córdoba (kein Wunder von Córdoba!) zu Kirchen umwandelte.

Der Bau der wichtigsten Tempel der Religionen ist niemals neutral, sondern immer Teil eines gesamten politischen Programmes. Das gilt auch für die (ost)römischen Kaiser Konstantin und später Justinian, welche die Kirche der „heiligen Weisheit“ (Hagia Sophia) bauen und wiedererrichten ließen. Nach der türkischen Eroberung 1453 ließ Mehmet II. sie logischerweise in eine Moschee umwandeln.

Es gibt jedoch zwei wichtige historische Ausnahmen für solche Umwandlungenprozesse. Zunächst weigerte sich der Kalif ʿUmar, als er Jerusalem eroberte, die Grabeskirche (die wichtigste Kirche des Christentums) zu betreten, damit sie nicht später dem Islam gehörte. 1934 machte Attatürk die Moschee Ayasofya zum Museum. Grund dafür war nicht, sie zum Ort des Dialogs der Religionen oder Begegnung der Kulturen zu machen, sondern eher sein laizistisches Programm, das die Rolle der Religion in Grenzen halten wollte. 86 Jahre später agiert nun Erdoğan nicht weniger politisch, wenn auch in der entgegengesetzten Richtung. Weder damals noch heute steht die Religion im Vordergrund. Die heutige autokratische Entscheidung (das Gericht legte sie, warum auch immer, völlig in seine Hände) ist Teil seiner aggressiven Politik: Machtdemonstration, Ablenkung von der großen finanziellen Krise und innerer Repression, aber auch ein weiterer Schritt in der ständigen Provokation des Westens und insbesondere der Griechen, welche sich als Nachfolger der „Byzantiner“ wahrnehmen. Am 24. Juli (Jahrestag des Vertrags von Lausanne 1923) wurde die Hagia Sophia wieder zu einer Moschee. Ob dies von (heiliger) Weisheit inspiriert wurde, bleibt äußerst fraglich.

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