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Zurück in der Zeit

Donnerstag, 23.04.2020, Universität, Forschen

Wie wurden Pandemien früher gelöst? Die Universität Graz beantwortet Fragen zur Corona-Krise - #26

Während der letzten Jahrhunderte gab es mehrere Pandemien, die die Gesellschaft vor dieselben Fragen gestellt haben, vor denen sie jetzt steht. So unterscheiden sich beispielsweise die Maßnahmen bei der großen Pestwelle in Graz (1679-1683) oder der Pockenepidemie in Boston (1721) nicht wesentlich von jenen der Corona-Krise des Jahres 2020. „Auch damals suchten medizinische Experten hektisch nach Ursachen, Ansteckungsketten, Eindämmungsmöglichkeiten und Therapien“, so der Historiker Christian Cwik vom Zentrum für Inter-Amerikanische Studien der Universität Graz, „und die Maßnahmenbündel folgten ebenfalls zumeist politischem Kalkül.“ Neben den unmittelbaren negativen wirtschaftlichen gab es auch psychische, soziale und kulturelle Folgen. Während die entstandenen Schulden nachhaltig schwer auf den Städten lasteten, führte die Ansteckungsgefahr zu einer regelrechten Stadtflucht.

Schon im 17. Jahrhundert waren in Graz Seuchenanordnungen, Verbote und Erlässe an der Tagesordnung. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, teilweise mit drastischen Sanktionierungen. „Damals wurde unter Androhung der Todesstrafe untersucht, getestet und therapiert“, meint Christian Cwik, der gemeinsam mit dem Amerikanisten Stefan Rabitsch und dem Historiker Mark Stieger an der Studie arbeitet. Schon damals wurden größere Menschenansammlungen verboten sowie Schulen und Universitäten geschlossen. „Die politische Führung übersiedelte ins pestfreie Bruck an der Mur, und die Landbevölkerung wurde gezwungen, als Miliz zu dienen“, so Cwik weiter. Grenzen wurden geschlossen und Reisende in Quarantäne gesteckt, auch damals waren schon verbotene „Pestpartys“ an der Tagesordnung.  Rapide steigende Preise führten zu Lebensmittelengpässen und Hungerkrisen, die nur durch Sonderlieferungen aus Wien gelindert werden konnten. Auch im Umgang mit der Krankheit sind Parallelen zum 21. Jahrhundert herzustellen. „Damals starben nur wenige Jahre zuvor an der Roten Ruhr ähnlich viele Menschen wie an der Pest, was in der historischen Darstellung fast keinen Niederschlag findet“, schildert der Historiker. So drängt sich praktisch der Vergleich mit dem Umgang von Corona und Influenza auf.

Die politischen und wirtschaftlichen Verordnungen der Pockenepidemie im amerikanischen Boston 1721 ähnelten sehr den Maßnahmen gegen die Pest in Österreich. „Der große Unterschied lag jedoch im Bereich der medizinischen Behandlung, die anders als in Europa nicht allzu sehr auf Gott vertraute“, so Amerikanist Rabitsch. Der Kampf gegen die Pocken in Boston wurde zum Präzedenzfall der Frage um Herdenimmunisierung. Mittels der bewussten Infektion von Pockenkranken durch in den Blutkreislauf infizierten Pockensekrets („Variolation“), erreichte man einen milderen Verlauf der Krankheit und verringerte die Anzahl der Wirte. „Auf diese Weise wurde versucht, die Bevölkerung kontrolliert zu durchseuchen, was damals wie auch heute zu einem harten ideologischen Schlagabtausch führte“, erzählt Rabitsch von seinen Recherchen.

Erst als Quarantänemaßnahmen in den darauffolgenden Epidemien versagten, wurde die Variolation geduldet. Der Durchbruch gelang allerdings erst 1777 unter George Washington, als er entgegen der Gesetzeslage, sich in Anbetracht der Verluste von tausenden Soldaten durch die Pocken zur Zwangsinokulation seiner 40.000 Soldaten entschied. Die damit einhergehende Infektionsreduktion von 20 auf ein Prozent veranlassten den Kongress, Virulationsverbote aufzuheben.

 

>> Update: Das Seuchenjahr 1679 aus der Sicht des Jahres 2020 (Zusammenstellung des Uni-Archivs)

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