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Auf Distanz

Monday, 28 November 2022, Forschen, Universität

Neue Zeiten für Zeitgeschichte: Wie erklären wir NS-Herrschaft heute den Jungen?

Mahnend, emotional haben sie an das Nazi-Grauen erinnert. Die Großmutter, die vom Verschwinden des Nachbarn erzählte. Der Lehrer, der die Züge nach Auschwitz nie vergessen hatte. Oder Überlebende, die im letzten Moment der NS-Vernichtungsmaschinerie entkamen. Für die junge Generation genügt nicht mehr die Geschichte des „Schreckens“. Es braucht andere Formen der Vermittlungsarbeit. Dem folgen aktuell zwei Grazer Ausstellungen über jüdisches Leben sowie Nationalsozialismus in der Steiermark. Daran haben die Uni-Graz-Historiker Gerald Lamprecht und Christian Heuer entscheidend mitgearbeitet. Ein Gespräch über Jugend, Bildung, Distanz und Emotion.

DISTANZ

Wie verändert sich der Blick auf den Nationalsozialismus – nicht nur aufgrund des Fehlens von Zeitzeugen?
Christian Heuer: Die zeitliche Ferne schafft Abstand. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus braucht die reflexive Distanz, denn auch Volksschüler:innen haben eine Vorstellung von Hitler. Die Auseinandersetzung darf aber nicht nur eine Reise in die dunkle Vergangenheit sein. Wir haben jetzt die Chance, uns von dieser lange üblichen Erzählung des „Erinnere Dich!“zu verabschieden.
Gerald Lamprecht: Geschichte ist stets eine Annäherung an die Vergangenheit aus der Gegenwart. Sie ist daher nie abgeschlossen. Weil wir uns heute als Gesellschaft andere Fragen stellen als die Generation davor. Daraus ergeben sich neue Zugänge. Auch in der Erforschung des Holocaust haben sich die Schwerpunkte verschoben. Die Wissensvermittlung ist in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus gerückt.

JUGEND

Die Vermittlungsarbeit fokussiert insbesondere auf die Jugend. Wie lässt sich das erreichen?
Lamprecht: Video-Interviews mit Zeitzeugen wurden speziell didaktisch aufbereitet. Es gibt sogar Versuche, Erzähler:innen als 3D-Hologramm gleichsam lebendig zu erhalten. Die beiden Ausstellungen im Graz-Museum und im Museum für Geschichte wenden sich explizit an junge, lernende Besucher:innen. In der Vermittlung spielt außerdem unser Bildungswesen eine zentrale Rolle. Vor allem nach antisemitischen und rassistischen Vorfällen. Erwartet wird eine Auseinandersetzung mit Geschichte, die zu einer Verhaltensänderung führen soll.

BILDUNG

Kann dies das Bildungssystem leisten?
Heuer: Wir erleben es tatsächlich oft: Es gibt eine Krise, die die Schule richten soll. Das ist zu einfach gedacht. Denn Bildung heißt nicht automatisch besser werden. Aufgabe des Geschichte-Unterrichts muss es sein, nicht nur historisches Wissen zu vermitteln, sondern aufzuzeigen, dass Geschichte von uns allen gemeinsam in Aushandlungsprozessen „gemacht“ wird. Das kann dann Gesellschaft verändern.

Und wie interessiert man Jugendliche für Zeitgeschichte, die für diese Altersgruppe genauso lange her scheint wie das Mittelalter?
Heuer: Jugendliche brauchen vor allem keine Schreckensräume, sie sollen sich wohlfühlen. Wir müssen sie ernstnehmen, darauf achten, wie sie selbst Zeitgeschichte erzählen, ohne dabei in den Duktus des Besserwissers zu verfallen.

EMOTION

Viele Menschen holen sich Information vor allem auf sozialen Plattformen. Wie lässt sich überhaupt noch Faktenwissen vermitteln, wenn Emotionen auf Instagram und Co. alles sind?
Lamprecht: Geschichte ist mehr als ein Gefühl. Wenngleich historisches Lernen erfolgt, wenn man eine Beziehung aufbaut. Ein Schlüssel ist es, die eigene Person zur Vergangenheit in Bezug zu setzen, in dem man Ereignisse mit persönlichen und lokalen Schicksalen in Verbindung bringt. Diese Anknüpfung kann beispielsweise Biografien erfolgen.
Heuer: Und man muss Emotion zum Thema machen. Gerade beim Nationalsozialismus, der emotional stark aufgeladen ist. Gutes Lernen funktioniert immer dann, wenn ich es anspreche. Wir müssen fragen, wer erzählt wie seine Geschichte? Denn lebensgeschichtliche Erinnerung ist nicht automatisch die Wahrheit.

HANDLUNGSSPIELRAUM

Jüdische Geschichte ist stark mit dem Nationalsozialismus verwoben, bis heute oft davon verdeckt. Wie lässt sich dem entgegenwirken?
Lamprecht: Es war uns wichtig zu zeigen, dass Juden und Jüdinnen immer Akteur:innen waren, mit Handlungsspielräumen – einmal mehr und einmal weniger. Zudem ist die Zeit vor dem Holocaust nicht die bloße Vorgeschichte des Holocausts und jüdische Geschichte endet nicht mit 1938. Es gibt ein vielfältiges und aktives jüdisches Leben auch nach der Shoa.

Aktuelle Ausstellungen

Christian Heuer ist Professor für Geschichtsdidaktik und Leiter des Instituts für Geschichte an der Universität Graz. https://geschichte.uni-graz.at/de/geschichtsdidaktik/

Gerald Lamprecht ist Professor für jüdische Geschichte und leitet das Centrum für Jüdische Studien an der Universität Graz. https://juedischestudien.uni-graz.at/

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