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Was wir aus der Geschichte lernen

Zum „Anschluss“ vor 80 Jahren: Gerald Lamprecht, neuer Professor für jüdische Geschichte an der Universität Graz, übers Erforschen und Erinnern

Diese Märztage stehen anlässlich der 80. Wiederkehr Österreichs „Anschluss“ ans NS-Regime im Zeichen des Gedenkens. Was sagt das Gestern über das Heute und die Erinnerungskultur über uns aus? Univ.-Prof. Dr. Gerald Lamprecht, seit 1. März 2018 Professor für jüdische Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Graz, geht im Interview diesen Fragen nach und meint, dass wir aus der Vergangenheit lernen können.

Warum sollen wir uns an Ereignisse, die 80 Jahre zurückliegen, weiter erinnern?

Zum einen sagt es sehr viel über unsere Gesellschaft aus, wie und woran sie sich erinnert und wie sie mit ihrer Geschichte umgeht. Als Ergebnis des Holocaust und des Nationalsozialismus ist etwa die Erklärung der Menschenrechte zu sehen, aus dem Jahr 1948 – übrigens ebenfalls ein 8er-Jubiläum. Zum anderen gibt es die Erinnerung an die Opfer von Verfolgung und Vernichtung. Das NS-Regime wollte die Erinnerung an diese Menschen aus dem Gedächtnis löschen, auch dagegen tritt das Erinnern vehement auf.

An der Universität Graz kam es im März 1938 zu einer Verhaftungswelle. Nobelpreisträger Otto Loewi wurde festgenommen. Ebenso David Herzog, semitischer Philologe und Landesrabbiner für Steiermark und Kärnten. Dutzende weitere WissenschafterInnen und Studierende wurden ebenso verfolgt und verjagt. Wie erinnert sich die Universität Graz im aktuellen Gedenkjahr daran?  

Die Universität Graz hat vor 30 Jahren den David Herzog-Fonds eingerichtet, der mittlerweile von allen fünf steirischen Universitäten getragen wird und Studierende sowie NachwuchswissenschafterInnen unterstützt. Anlässlich des aktuellen Gedenkens wird unter anderem am 12. März im Landhaus Graz das Buch „Orte und Zeichen der Erinnerung. Erinnerungszeichen für die Opfer von Nationalsozialismus und Krieg in der Steiermark“ präsentiert, das im Auftrag des Landtag Steiermark von mir gemeinsam mit Heimo Halbrainer und Georg Rigerl verfasst wurde. Im April steht anlässlich der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen 1938 ein Symposium auf dem Programm.

Ausgehend vom Gedenkjahr 1988 ist in den vergangenen Jahrzehnten viel an Forschungsarbeit passiert. Gibt es überhaupt noch Lücken?

In den letzten rund 30 Jahren wurden zahlreiche Forschungen zu den unterschiedlichsten Aspekten der NS-Herrschaft durchgeführt und trotzdem gibt es natürlich noch zahlreiche Aspekte, die bislang wenig Beachtung gefunden haben, wie etwa in Bezug auf die Steiermark das Verhältnis von Schule und Nationalsozialismus.
Zudem stehen wir derzeit an einem Wendepunkt, da die ZeitzeugInnen bald fehlen und damit die NS-Zeit vom kommunikativen vollständig in das kulturelle Gedächtnis übergeht. Das wird sowohl für die Forschung als auch die Vermittlung und Erinnerung zahlreiche neue Fragen aufwerfen.

Was fasziniert Sie persönlich an der Arbeit als Forscher?

Es ist spannend, in die Geschichten von Menschen und deren Lebenswelten einzutauchen. Und daraus resultierend dann Geschichte neu zu lesen oder neue Fragestellungen zu entwerfen. Zudem schätze ich an der wissenschaftlichen Arbeit den Austausch mit KollegInnen, denn Forschen ist immer ein Teamprozess.

Sie haben seit wenigen Tagen eine Professur an der Universität Graz inne. Wo wollen Sie Ihre Schwerpunkte setzen?

Neben meinen aktuell laufenden Projekten, wie jenem der Geschichte unserer Universität in den Jahren 1945 bis 1955 bleiben die NS-Verfolgungsgeschichte der Jüdinnen und Juden und deren Aufarbeitung weiterhin zentrale Themen. Weitere Schwerpunkte möchte ich in der jüdischen Erfahrungs- und Gedächtnisgeschichte des Ersten Weltkrieges sowie der jüdischen Geschichte der Zwischenkriegszeit in Zentraleuropa setzen.

Wie ordnen Sie die Forschung zur eigenen Wirkungsstätte ein? Gemischte Gefühle?

Ich denke es wichtig zu wissen, an welcher Einrichtung man arbeitet und wie sich diese mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Ein kritischer, reflektierter Umgang mit der Geschichte hat Auswirkungen auf unser akademisches Selbstverständnis. Daher ist diese Beschäftigung unter anderem auch als Teil der gesellschaftlichen Verantwortung zu sehen, die wir als WissenschafterInnen haben. Zudem müssen wir unsere Ergebnisse kommunizieren und haben die Aufgabe, in die Gesellschaft hineinwirken.

Können wir also aus der Geschichte lernen?

Ja, aber nur dann, wenn wir die Gegenwart mit der Vergangenheit in Beziehung setzen. Es muss ein aktiver Diskurs sein, der einen kritisch reflektierten Lernprozess in Gang setzt. Es funktioniert keinesfalls mit dem erhobenen Zeigefinger.

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